#1 Eine zweite Chance von Ingrid 23.04.2015 18:05

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Eine zweite Chance

Er stand an der Bar und trank gelangweilt sein Bier. Doch dann sah er sie. Er glaubte, ihr schon früher einmal begegnet zu sein. Aber er konnte sich nicht erinnern, wann und wo das gewesen war.
Die Art und Weise, wie sie ihr langes braunes Haar zurückwarf, kam ihm bekannt vor. Es war einige Jahre her. Damals hatte sie jünger ausgesehen, und sie hatte einen Lebensmut versprüht, der beinahe ansteckend war.
Er konnte den Blick nicht von ihr lassen. Sie schaffte es, ihn immer noch in ihren Bann zu ziehen.
Und plötzlich fiel es ihm wieder ein. Fiona, wie hatte er ihren Namen vergessen können. Sie war damals die Freundin seines Zwillingsbruders Kai, den er abgöttisch geliebt, obwohl er immer in seinem Schatten gestanden hatte. Die beiden waren nur zwei Monate zusammen. Dann hatte sie sich von Kai getrennt.
Sein Bruder war zwei Wochen später mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. Ein riskantes Überholmanöver auf der Autobahn...
Sie zwinkerte ihm zu. Sie hatte ihn erkannt. Betroffen senkte er den Blick. Er war das Gefühl nie los geworden, dass sie die Schuld an Kais Tod trug. Sie näherte sich ihm und fasste ihn sanft am linken Arm. Ihm wurde kalt.
"Es tut mir leid", sagte sie leise."Ich habe die Todesanzeige in der Zeitung gelesen. Ich wollte noch einmal mit ihm reden. Ich hätte es ihm sagen müssen." Er hatte den Mut, ihr in die Augen zu sehen."Was hättest du ihm sagen müssen?", fragte er fordernd. "Ich war schwanger. Wir haben eine Tochter, aber er wollte doch immer frei und ungebunden sein." Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Zärtlich streichelte er ihre Wange, nachdem er sich wieder einigermaßen in der Gewalt hatte.
"Darf ich meine Nichte sehen?", fragte er. Sie versuchte zu lächeln. "Sehr gern. Komm mit zu mir. Sofia schläft schon, aber wir können reden. Vielleicht fühle ich mich dann etwas weniger schuldig an seinem Tod." Er nahm ihre Hand. "Lass uns gehen, Fiona." Sie blickte ihn verwundert an. "Du kannst dich noch an meinen Namen erinnern, Kevin?" Beinahe hätte ich ihn vergessen, dachte er schuldbewusst. Laut sagte er: "Wie hätte ich jemals deinen Namen vergessen können." Dann zog er sie mit großen Schritten aus dem Pub, so dass sie Mühe hatte, ihm zu folgen.

Erinnerung an ihn

Er stand vor dem Bett, in dem die kleine Sofia schlief, und er glaubte, die Züge seines Bruders in dem Gesicht des kleinen Mädchens zu entdecken. Fiona hatte nicht gelogen. Sie war die Mutter der Tochter seines Bruders. Und er war Sofias Onkel. Eine Träne lief ihm ungewollt über seine Wange.
Er war Fiona dankbar, dass sie sich zurückgezogen hatte. Er beobachtete, wie gleichmäßig das kleine Mädchen atmete. Im Schlaf sah sie glücklich aus. Sie strahlte Ruhe aus, und das tat ihm gut.
Er war so lange ruhelos gewesen, entwurzelt, allein und einsam. Er hatte sein zweites Ich verloren, seinen Zwillingsbruder, den er geliebt hatte wie keinen anderen Menschen auf der Welt.
Aber vielleicht war das ein Fehler gewesen. Vielleicht war Kai nicht der perfekte Mensch gewesen, für den er ihn gehalten hatte. Vielleicht sollte er auch wieder anfangen zu leben, nachdem er damit aufgehört hatte.
Zärtlich strich er dem kleinen Mädchen über die Wange. Sie registrierte es mit einem Lächeln.
Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter. "Kevin, können wir reden?" Es war Fionas Stimme. Er nickte.

Das Zerwürfnis

Sie bat ihn, auf der Couch Platz zu nehmen und fragte, ob sie nicht ein Glas Wein zusammen trinken wollten. "Sehr gern", sagte er. "Rotwein oder Weißwein?", fragte sie. Er entschied sich für Rotwein. "Den mag ich auch lieber", gestand sie. Als sie zwei Gläser eingegossen hatte, prosteten sie sich zu. "Auf deine süße kleine Tochter und meine Nichte. Ich kann es immer noch nicht fassen." Sie lächelte verlegen. "Du lebst mit Sofia allein hier?", fragte er vorsichtig. Sie nickte. "Seit ich wusste, dass ich schwanger war, hatte ich mir geschworen, für meine Tochter da zu sein." Sie warf ihr Haar nach hinten. Eine Geste, die Selbstbewusstsein ausstrahlte, fand er. "Kevin, seit Kais Tod quält mich die Frage, ob ich schuldig an seinem Unfall bin..." Kevin trank einen Schluck aus seinem Weinglas, um Zeit zu gewinnen. Er selbst hatte Fiona die Schuld an Kais Tod gegeben. An dem Abend, als er mit seinem Motorrad weggefahren war, hatte sein Bruder zu ihm gesagt: "Warum hat ausgerechnet Fiona mir den Laufpass gegeben. Ich weiß nicht, ob ich jemals darüber hinwegkomme." Soweit er wusste, war es immer Kai gewesen, der seine Partnerinnen zum Teufel gejagt hatte.
Kevin räusperte sich. "Kai war kein guter Motorradfahrer. Er hat drei Anläufe gebraucht, um die praktische Fahrprüfung zu bestehen." Vielleicht beruhigte sie das. "Ich wusste es nicht." Sie schien überrascht. "Du hast wahrscheinlich auch keine Ahnung davon, dass Kai in der 4. Klasse sitzengeblieben ist, und ich sie mit ihm wiederholen musste, weil er Angst hatte, von seinen neuen Klassenkameraden verspottet zu werden." "Das hat er mir auch verschwiegen. Bei mir hat er immer den Eindruck hinterlassen, dass das Leben nicht in der Lage war, ihm irgendwelche Schwierigkeiten zu machen." Sie fingerte nervös an ihrem Armband herum.
"Weißt du, er hat mich immer Kleiner genannt, dabei war ich über eine halbe Stunde älter als er. Meine Geburt verlief problemlos, aber um das zweite Baby mussten alle bangen. Es war nicht sicher, ob es überleben würde. Vielleicht ist Kai deshalb der Liebling unserer Mutter gewesen." Er trank sein Glas aus, als müsste er seine Gedanken wegspülen. "Wie geht es denn deinen Eltern?", fragte sie. "Meine Mama hat Kais Tod nicht verwunden. Und ich konnte den Blick ihrer traurigen Augen, die zu fragen schienen, warum er, warum nicht du, nicht mehr ertragen. Deshalb bin ich zur Bundeswehr nach Afghanistan gegangen. Ein halbes Jahr später hat sie sich das Leben genommen. Mein Vater hat sich eine andere Familie gesucht. Er lebt mit seiner neuen Frau und den beiden Mädchen in Berlin." Er sah Tränen in ihren Augen. "Das tut mir wahnsinnig leid, Kevin." Er berührte ihren Arm. "Das braucht es nicht. Ich wollte kein Mitleid schinden. Ich komme schon klar."
Sie wischte sich die Tränen von der Wange. "Wirst du nach Afghanistan zurückgehen?" Er nickte. "Mein Flieger geht morgen. Ich war nur an den Gräbern. Heute war der 2. Todestag meiner Mutter." Sie stand auf. Sie legte die Hände auf seine Schultern. "Warum Afghanistan? Willst du dich auch umbringen? Bist du stolz darauf, dein Leben wegzuwerfen? Kannst du es nicht ertragen, du selbst zu sein? Hasst du dich so sehr?", schrie sie ihn an. Er erhob sich ebenfalls und wich erschrocken zurück. "Was gibt dir das Recht, so mit mir zu reden? Du kennst mich doch gar nicht!" Sie packte ihn am Oberarm und kniff zu. "Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du ein Feigling bist. Hau doch ab!" Er befreite sich unsanft von der Hand, die seinen Oberarm umklammerte.
"Es stimmt, dass Kai kein sicherer Fahrer war, aber aber es ist auch wahr, dass er mir an dem Tag, an dem er starb gesagt hat, dass er nie darüber hinwegkommen würde, dass du ihn verlassen hast." Sie sollten ein Triumph sein, doch seine Worte fühlten sich erbärmlich an, nachdem er sie ausgesprochen hatte. Er ging zur Tür. Er musste hier raus.
Sie lief ihm nach. "Das sagst du doch nur, um mir weh zu tun. Du bist so widerlich, gemein und so armselig. Geh nach Afghanistan und spiel den großen Helden. Mein Gott, du kannst einem wirklich leid tun." Er umarmte sie flüchtig. "Gib Sofia einen Kuss von mir und vergiss alles, was ich gesagt habe." Dann wandte er sich ab, nahm seine Jacke von der Garderobe und schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Fiona sank vor der zugeschlagenen Tür weinend zusammen.

Reue

Als Fiona am nächsten Morgen erwachte, lag Sofia neben ihr. Sie hatte sich an ihre Mutter gekuschelt und atmete in gleichmäßigen Zügen. Fiona strich ihrer Tochter sanft übers Haar und deckte sie behutsam zu. Es war ungewöhnlich, dass Sofia zu ihr ins Bett gekrochen kam. Hatte die Kleine gestern Abend etwas mitbekommen? Hatte sie sie weinen gehört? Fiona setze sich auf und wollte sich aus dem Bett schleichen, doch Sofia stöhnte, rieb sich die Augen und fragte leise: "Alles gut , Mama?" Fiona nahm ihre Tochter in die Arme. "Aber natürlich, mein Liebling. Komm lass uns aufstehen und frühstücken." Wie ein Blitz schoss Sofia aus dem Bett und rannte laut "Anziehen, Zähne putzen!", rufend aus dem Schlafzimmer. Fiona wusste, dass ihre Tochter sehr eitel und gründlich war, deshalb nutzte sie die Zeit, in den Flur zu gehen, wo das Telefon stand.
Sie wählte die Nummer der Flughafenauskunft und fragte, wann ein Flugzeug nach Afghanistan ging. "Es tut mir leid", sagte der Mann am anderen Ende der Leitung. "Von hier aus fliegen keine Flugzeuge in die Krisengebiete. Unsere Passagiere wollen in den Urlaub, oder sie sind auf Geschäftsreise." Fiona wurde nervös. "Aber mein Freund ist bei der Bundeswehr, er fliegt heute nach Afghanistan. Es muss einen Flug geben." Ihr Gesprächspartner räusperte sich verächtlich. "Gute Frau, wenn ihr Freund bei den Elitetruppen ist, dann fliegt er mit Sicherheit in einem Militärflugzeug. Und wenn er wirklich ihr Freund ist, dann hätte er sich bestimmt gebührend von ihnen verabschiedet. Brauchen Sie Hilfe? Von wo aus rufen Sie an?" Fiona erschrak und legte den Hörer auf. Der Mann erklärte sie für verrückt. Das konnte sie ihm nicht verdenken. Sie war naiv gewesen. Wie hatte sie nur glauben können, Kevin würde seine Heimat als normaler Flugreisender verlassen.
Er hätte sie überhaupt nicht verlassen dürfen, aber sie hatte ihn ja selbst fortgeschickt. Statt ihn anzuflehen, bei ihr zu bleiben, hatte sie ihn abgewiesen. "Ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du ein Feigling bist. Hau doch ab!", hatte sie gesagt. Wie sehr sie ihre Worte jetzt bereute...
Sie ging mit Sofia in das Restaurant, in dem sie Kevin gestern getroffen hatte. Es widerstrebte ihr, die Kleine dorthin mitzunehmen, aber sie durfte keine Möglichkeit auslassen. Vielleicht wusste dort jemand etwas über Kevins Verbleib. "Es tut mir leid", sagte der junge Kellner, der sie gestern bedient hatte:"Ich hab den Typen gestern das erste Mal hier gesehen. Keine Ahnung, wer das ist. Und abgesehen davon, hätte ich mich viel mehr für Sie interessiert als für ihn." Viola wollte freundlich lächeln, doch sie musste sich schnell abwenden, damit er ihre Tränen nicht sah. Dafür lächelte Sofia den jungen Mann neugierig an. Fiona schnappte sie und zog sie hinter sich her.
Das war es dann wohl! Sie hatte Kevin weggeschickt, genau wie Kai damals. Eine dritte Chance würde sie nicht bekommen. Kevin war plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht und noch schneller war er in der Unendlichkeit verschwunden. Aber Sofia konnte ihr keiner nehmen...

Der Brief

Sie hatte ihn fortgeschickt, aber vielleicht hätte er nicht gehen sollen. Und er wäre doch so gern geblieben. Er las sich den Brief, den er geschrieben hatte, noch einmal durch. Dann steckte er ihn behutsam in ein Kuvert, das er mit Fionas Adresse versah.
Eine Viertelstunde später saß er mit Fabian an dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer und rauchte. Die Luft war stickig, aber es war sinnlos, bei dieser glühenden Hitze das Fenster zu öffnen.
Er zeigte Fabian das Kuvert. "Wenn mir irgendetwas passiert, ich habe diesen Brief in meiner Brusttasche. Den musst du abschicken, verstanden?" Fabian schielte auf die Adresse und sah ihn verwundert an. "Warum schickst du ihn nicht jetzt ab?" Kevin schluckte. "Weil ich ein Feigling bin.", gestand er. Fabian nahm einen Zug von seiner Zigarette. "Der große Held - ein Feigling? Vielen Dank auch. Kevin, irgendwie tickst du nicht ganz richtig. Wenn du 'ne Braut willst, warum sollte sie dich von der Bettkante stoßen?" "Weil ich ein Feigling bin", wiederholte Kevin. "Oder vielleicht auch, weil ich nicht mein Zwillingsbruder bin. Ich weiß es nicht." Fabian schüttelte den Kopf. "Ich verstehe dich nicht. Du bist hier einer der besten, und das weißt du auch." Kevin winkte ab. "Das mag sein, aber im wirklichen Leben bin ich ein erbärmlicher Versager."
Kevin drückte seine Zigarette aus und verließ den Raum, ehe Fabian weitere Fragen stellen konnte. "Die Frau möchte ich kennenlernen.", flüsterte Fabian verträumt.

Das Angebot

Fiona hatte Sofia in den Kindergarten gebracht. Sie stellte die Kaffeemaschine an und bereitete sich einen Kaffee zu. Sie brauchte Zeit, um über Steffens Angebot nachzudenken. Er wollte, dass sie mit Sofia in sein kleines Haus zog. Sie liebte ihn nicht, wie sie Kai geliebt hatte, oder wie sie vielleicht Kevin hätte lieben können, wenn er nicht fortgegangen wäre.
Sie hatten sich vor drei Monaten in der Kantine des Werkes, in dem sie beide arbeiteten, er als Ingenieur, sie stundenweise als Sekretärin, kennengelernt. Trotzdem sie ihm gleich am ersten Tag von Sofia erzählt hatte, setzte er sich jeden Mittag wieder an ihren Tisch. Ihre Gespräche wurden vertrauter. Fiona erwähnte auch, dass Sofias Vater bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war. Nach zwei Wochen lud er sie ins Kino ein. Vor ihrer Haustür küssten sie sich zum Abschied. Am folgenden Samstag verabredeten sie sich und gingen gemeinsam mit Sofia in den Wildpark. Schließlich besuchten sie einander häufiger und verbrachten die Wochenenden gemeinsam.
Steffen, fünf Jahre älter als sie, war ein großzügiger, verständnisvoller Mann, der Sofias Herz im Sturm erobert hatte.
Und letztendlich musste sie an ihre Tochter denken. Sie war jetzt in einem Alter, in dem sie dringend eine männliche Bezugsperson, die ihr den Vater ersetzte, brauchte. Außerdem wären sie beide finanziell abgesichert, wenn sie bei ihm einzogen. Früher oder später würde sie mit ihm schlafen müssen, aber das nahm sie in Kauf. Eigentlich konnte ihr nichts Besseres passieren.
Die schrille Klingel riss sie aus ihren Gedanken. Sie war ärgerlich. Sicher war das wieder der Botendienst, der ein Paket für ihre kaufsüchtige Nachbarin bei ihr abgeben wollte, weil Frau Blum gerade einmal wieder auf Shoppingtour war. Manche Leute konnten sich eben alles leisten. Sie seufzte und ging zur Tür.

Unterwegs

Fabian hielt ihr galant die Beifahrertür auf. Als er den Motor gestartet hatte und losgefahren war, sagte er. "Wissen Sie, was ich nicht verstehe. Kevin, er war für mich ein Vorbild. Er war einer der Besten, und das sage ich nicht nur, weil er mir das Leben gerettet hat. Wenn er sich nicht vor mich geschmissen hätte, dann hätten die Bombensplitter mich zerfetzt. Aber er hat behauptet, er wäre im wirklichen Leben ein Feigling, ein Versager. Und jetzt frage ich mich, ob er jemals ein wirkliches Leben gehabt hat. Mein Gott, ich glaube nicht an dich, aber ich bitte dich, lass Kevin am Leben." Fiona war schockiert. Sie war diejenige gewesen, die ihm suggeriert hatte, dass er ein Feigling war und letztendlich hatte er sich selbst so gesehen. Er hatte sein Leben, das seiner Meinung nach nichts wert war für Fabian riskiert, einen jungen Mann, dem noch alle Türen offen standen.
'Ihr seid meine Familie', hatte er geschrieben.'Du und Sofia.' Sie hoffte so sehr, er würde zurück ins Leben finden, aber sie hatte auch Angst davor, ihn zu sehen. "Was hat er Ihnen von mir erzählt?", wollte Fiona wissen. "Eigentlich nicht viel.", gestand Fabian. "Für ihn war es ein Wunder zu erfahren, dass er eine Nichte hat. Ich glaube, er ist nie wirklich über den Tod seines Zwillingsbruders und seiner Mutter hinweg gekommen. Als er einmal ziemlich betrunken war, hat er gesagt, dass er am Tod seiner Mutter Schuld ist. Ich war ehrlich gesagt neugierig, Sie kennen zu lernen. Deshalb habe ich den Brief persönlich abgegeben. Ich möchte wirklich, dass für Sie und Kevin alles gut wird. Im Moment sieht es für Kevin nicht gut aus, aber vielleicht können Sie ja ein Wunder bewirken. Übrigens Sie müssen den Ärzten sagen, dass sie mit ihm verwandt sind, sonst dürfen Sie gar nicht in sein Zimmer." "Waren Sie bei ihm in seinem Zimmer?" Fabian schüttelte den Kopf. "Nein, ich konnte ja schlecht behaupten, dass ich sein Bruder bin. Aber ich war während des Transportes aus Afghanistan im Flugzeug bei ihm. Er hat ehrlich gesagt kein Lebenszeichen von sich gegeben. Deshalb habe ich den Brief aus seiner Brusttasche genommen..." Fiona lief ein Schauder über den Rücken, aber sie musste stark sein. "Danke, Fabian. Sie haben alles richtig gemacht.", sagte sie und streichelte seine Schulter. Er fuhr auf den Parkplatz des Krankenhauses.

Im Krankenhaus

"Ich bin seine Schwägerin.", erklärte Fiona dem Arzt, nachdem er sie gefragt hatte, ob sie mit Kevin verwandt sei. "Uns ist zwar nur bekannt, dass er einen Vater in Berlin hat, der sich nicht für seinen todkranken Sohn zu interessieren scheint. Aber mir ist es nur Recht, wenn sich jemand um den jungen Mann sorgt. Folgen Sie mir bitte!" 'Du hast es selbst geschrieben', dachte sie.'Sofia und ich, wir sind deine Familie.'
Und dann stand sie plötzlich vor seinem Bett. Von ihm selbst war nur ein kleiner Ausschnitt seines Gesichtes zu sehen, die Augen, die geschlossen waren, und die Mundpartie. Alles andere war verbunden. Er war an drei verschiedene Geräte angeschlossen, die ständig piepten und irgendwelche Kurven zeichneten, die sie nicht deuten konnte.
"Wird er wieder zu sich kommen?", fragte sie den Arzt verzweifelt. "Das wissen wir leider nicht." Der ältere Mann legte eine Hand auf Fionas Schulter. "Aber ich habe im Verlauf der Jahre viele Komapatienten gehabt. Und glauben Sie mir, die Nähe eines Menschen, der sie liebt, kann Wunder bewirken. Nehmen Sie seine Hand, reden Sie mit ihm. Er muss spüren, dass Sie da sind, dass er nicht allein gelassen wird." Sie nickte dankend. "Kann ich bitte nochmal schnell telefonieren?", fragte sie. "Natürlich!" Er führte sie ins Arztzimmer und wies auf das Telefon. Sie wählte Steffens Nummer. "Hallo Steffen, kannst du bitte Sofia aus dem Kindergarten abholen? Mir ist etwas Wichtiges dazwischen gekommen." Eine kurze Pause, bevor er sagte: "Ja klar. Was ist denn los, Liebes, du klingst so aufgebracht." Mir geht es gut. Es ist alles in Ordnung. Wir reden nachher. Es kann spät werden. Bring Sofia bitte ins Bett." Sie zitterte. "Du kannst dich auf mich verlassen, das weißt du doch, Liebes." "Danke, Steffen.", hauchte sie und legte den Hörer auf.

Unerwarteter Besuch

Vor der Tür stand ein junger Mann in Jeans und Lederjacke, der mit einem Briefkuvert herumfuchtelte. "Hallo, ich glaube, der ist für Sie, falls Sie Fiona Lenz heißen." Sie nickte stumm. "Kommen Sie bitte herein!" Er folgte ihr ins Wohnzimmer. Sie bot ihm einen Kaffee an. Er nickte dankend. "Ich heiße übrigens Fabian.", hörte sie ihn sagen, als sie in der Küche das Kuvert aufriss. Sie wusste sofort, dass Kevin den Brief geschrieben hatte.
"Liebe Fiona!", las sie. "Ich hätte mich damals, als Du mit Kai zusammen warst, schon in Dich verlieben können. Verzeih mir, was ich gesagt habe. Dich trifft nicht die geringste Schuld an seinem Tod. Es war Schicksal. Du hattest Recht, als Du mich einen Feigling genannt hast. Es ist leichter davon zu laufen als für jemanden da zu sein. Ich hasse mich dafür, dass ich nicht den Mut finden konnte, Kontakt zu Euch aufzunehmen. Aber ich war in Gedanken immer bei Euch. Ihr seid die Familie, die mir noch geblieben ist, Du und Sofia. In Liebe Kevin"
Ihr wurde schwindlig. Sie nahm die Kaffeetasse und stellte auf den Wohnzimmertisch. "Sie kannten Kevin?", fragte sie. "Ich kenne ihn, Fiona, er ist nicht tot. Er ist schwer verletzt und liegt im Koma. Die Ärzte können noch nicht sagen, ob er durchkommt. Es war ein Terroranschlag, eine Bombe hat ihn getroffen. Ich sollte Ihnen, falls ihm etwas passiert, den Brief schicken. Aber ich dachte, ich bringe ihn lieber persönlich vorbei." Fiona fuhr sich nervös durchs Haar. "Wo ist er jetzt?", fragte sie unruhig. "Er liegt auf der Intensivstation im Sankt Georg. Fiona schlug die Augen nieder. "Können Sie mich dorthin bringen?" Er trank rasch seinen Kaffee aus. "Mein Auto steht vor dem Haus. Lassen Sie uns keine Zeit verlieren!"

Die Entscheidung

"Ich lasse Sie jetzt mit meinem Patienten allein", sagte Dr. Weilmann freundlich. "Danke, ich bleibe eine Weile bei ihm.", erwiderte Fiona. "Geben Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie gehen. Ich bin im Arztzimmer. Und falls er zu sich kommen sollte, lassen Sie es mich wissen. Wenn einer der Apparate abschalten sollte, drücken sie bitte auf die Klingel." Sie nickte. Der Arzt hob grüßend die Hand und verließ das Krankenzimmer.
Fiona setzte sich auf den Stuhl neben Kevins Bett. sie tastete unter der Bettdecke nach seiner linken Hand und ergriff sie. Sie war kalt und leblos.
"Ach Kevin", seufzte sie. "Ich kann es noch gar nicht fassen, dass du wieder in unserem Leben aufgetaucht bist. Und das hast du mit Berechnung getan. Weißt du, ich war gerade drauf und dran, ein neues Leben für Sofia und mich aufzubauen. Steffen, ich kenne ihn seit drei Monaten, und wir haben uns schon häufig getroffen, hat mich gefragt, ob wir nicht zu ihm ziehen wollen. Er lebt in einem kleinen Haus mit Garten. Wir hätten es gut dort, weißt du. Ich wollte ihm zusagen. Für Sofia wäre es wunderschön. Ich liebe ihn nicht, aber ich könnte mich sicher daran gewöhnen, ohne unglücklich zu sein. Und dann taucht Fabian, der junge Mann, dem du das Leben gerettet hast, mit deinem Brief bei mir auf. Du bist ein ungewöhnlicher Mensch, Kevin. Ein Mensch, der Liebe verdient. Und ich würde dich gern lieben. Verzeih mir bitte, dass ich dich einen Feigling genannt habe...".
Sie hielt inne, weil sie einen leichten Druck auf ihrer Hand verspürte.
Der Versuch eines Lächelns auf seinem schmerzverzerrten Gesicht. Seine Lippen, die ihren Namen formen wollten.
In diesem Moment wusste sie, dass sie Steffens Angebot nicht annehmen konnte, mochte es auch noch so verlockend sein.

(c) Ingrid Hartung

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