#1 Jugendweihe von Ingrid 11.04.2015 11:31

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Jugendweihe

Die wenigen Gäste, die gekommen waren, hatten sich breits verabschiedet. Stephan begleitete sie ein Stück und würde dann in eine Gaststätte gehen, wo er sich mit seinem Vater traf.
Sie hatte eine Kerze angezündet und betrachtete nachdenklich die Geschenke, die auf der kleinen Kommode lagen. Im Radio ertönte ein Wiener Walzer. Die Musik stimmte sie noch trauriger. In ihrer Jugend, als sie die Tanzstunde besuchte, hatte sie mit Werner unzählige Male Walzer getanzt. Bei allen Bällen mussten sie eine Extrarunde drehen und später dann im Tanzkreis belegten sie bei Turnieren nicht selten vordere Ränge. Sie schaltete das Radio aus. Doch mit der Musik war die Erinnerung nicht verklungen. Tagtäglich musste sie sich dagegen wehren, denn Stephan wurde seinem Vater immer ähnlicher und das nicht nur in seinem Aussehen. Er gab sich in letzter Zeit zunehmend verschlossen und überheblich. Er war unnahbar, worunter ihr Verhältnis sehr litt. Stephan begann, seine eigenen Weg zu gehen und legte dabei ein Selbstbewußtsein an den Tag, das an falschen Stolz grenzte.
Sie war stets für ihren Sohn dagewesen, und sie hatte versucht, ihm alles zu ermöglichen. Wenn es zur Jugendweihe auch nicht zu einem Kassettenrecorder reichte, so hatte er doch eine gute Armbanduhr und eine Levis bekommen. Sie hatte ihm angesehen, dass seine Freude darüber echt war.

Das beruhigte und erleichterte sie, denn sie hatte befürchtet, er würde mit Enttäuschung reagieren. Wusste sie doch, dass die meisten seiner Mitschüler zur Jugendweihe ein Moped erwarteten. Er hatte niemals große Ansprüche gestellt, aber sie kannte seine geheimen, unausgesprochenen Wünsche, die ganz anderer Natur waren. Es bedrückte sie, diese nicht erfüllen zu können. Seit einiger Zeit zog sich Stephan mit Vorliebe in sein Zimmer zurück, wo er stundenlang in biologischen Nachschlagewerken las, die er sich in der Bibliothek auslieh. Er besuchte regelmäßig den Ökologie-Club seiner Schule und opferte manchen Sonntag einer Exkursion. Sie nahm wenig Anteil an seinem Hobby, doch sie ließ ihn gewähren, denn ihr war klar, dass die Intoleranz gegenüber den Interessen ihres Mannes eine Ursache für die gescheiterte Ehe war.
Sie blickte gedankenverloren in die flackernde Kerzenflamme. Sie fürchtete sich vor der Rückkehr ihres Sohnes ebenso wie ihr in der Einsamkeit des düsteren Zimmers angst war. Zehn Jahre hatte Werner nichts von sich hören lassen, von den Alimenten, die jeden Monat pünktlich eintrafen, einmal abgesehen. Ein ganzes Jahrzehnt hatte er sich nicht um seinen Sohn gekümmert, und ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sich der Junge von seiner Mutter entfremdete, musste er wieder in seinem Leben auftauchen.
Stephan hatte keine Erinnerung mehr an seinen Vater. Er kannte ihn nur von Bildern. Aber er verbarg seine Begeisterung über dessen Brief nicht. Das traf sie schwer, und auch, dass Werner Stephan in ein Restaurant einlud, hatte sie gekränkt. Er hätte seinen Sohn zu Hause besuchen können, wenn er schon einmal in der Stadt war. Sie war neugierig auf seine Erscheinung. Sie verstand bis heute nicht, dass er sie und Stephan wegen einer geschiedenen Frau mit zwei Kindern verlassen hatte.
Mit Stephan sprach sie selten über Werner. Der Junge nahm die Dinge stets so wie sie waren. Sie hatte selten den Eindruck, dass ihm sein Vater fehlte. Und dann diese unumwundene Freude über den Brief von ihm. Sie war sich bewusst, dass Werner an diesem Abend binnen weniger Stunden alles zerstören konnte, was sie ihn zehn schweren, aufopferungsvollen Jahren aufgebaut hatte. Vielleicht hätte sie vor der Begegnung mit seinem Vater noch einmal mit Stephan reden sollen, damit er die ganze Wahrheit erfuhr. Denn egal, was Werner ihm auch erzählte, er hatte die Fähigkeit, alles so darzustellen, dass man gezwungen war, ihm zu glauben.
Sie hörte, wie jemand die Wohnungstür aufschloss. Das konnte nur Stephan sein. Ehe sie sich versah, stand er, die Jacke noch an, im Türrahmen. Er hängte den Schlüssel ans Brett und blickte verstört auf seine Mutter. Dann trat er auf sie zu und setzte sich auf ihren Schoß. Er umarmte sie zärtlich, so sanft, dass sie fast erschrak. Sie streichelte sein welliges, blondes Haar, wobei ihre Hand zitterte. Betroffen, als schäme sie sich ihrer Erregung, schlug sie die Augen nieder.
Stephan sah sie an und sagte leise: "Er wollte, dass ich zu ihm ziehe. Er hat sich scheiden lassen. Es war noch eine junge Frau mit. Er hätte mir sogar ein teures Mikroskop gekauft." Wehmut lag in der Stimme des Jungen und seine Augen blickten sehnsüchtig. Sie drückte ihn fest an sich und stammelte: "Mein Junge...". Er riss sich von ihr los und erhob sich. Raschen Schrittes ging er zur Tür.
Er wandte sich zu ihr um und sagte nüchtern. "Ich habe ihm gesagt, dass ich mich nicht kaufen lasse und schon eine Mutter habe." Er verließ das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
Sie verbarg das Gesicht mit den Händen und weinte ungehalten. Wahrscheinlich ahnte Stephan das, denn er ließ sich eine halbe Stunde nicht in der Stube blicken. Er hasste es, wenn sie in Tränen ausbrach. Als er wieder das Zimmer betrat, schaltete er den Fernsehapparat ein und setzte sich in den Sessel.
Es lief irgendein mittelmäßiger Krimi. Sie füllte zwei Bowlengläser nach und ließ sich auf die Couch sinken. Bis nach Mitternacht sahen sie fern, ohne noch ein Wort zu wechseln.

© Ingrid Hartung

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